Welcher Autist hat diesen Satz noch nicht gehört? “Sei doch mal Spontan!” Oder: “Du musst auch mal flexibel sein!” Aus aktuellem Anlass möchte ich dazu einmal schreiben.
Wer kennt es nicht? Jemand kommt und wirft den mit Mühe zusammengestellten, genauen Tagesplan durcheinander. Für NTs mag das kein großes Problem darstellen, denn sie können schnell reagieren und entsprechend die Tagesplanung anpassen, die meisten zumindest.

Viele erwarten gleichermaßen von uns AutistInnen spontan zu sein und hier möchte ich einmal erklären, warum das eben nicht einfach geht und wieso es für uns so schwierig ist.
Wie sicher viele meiner Leser wissen, haben wir keinen Reizfilter bzw. er funktioniert bei uns anders. Anders als Nichtautisten müssen wir mühevoll bewusst aussortieren, was gerade an Reizen ignoriert werden kann, weil es nicht wichtig ist und was unsere Aufmerksamkeit braucht. Das machen NTs automatisch. Aufgrund dieser Einschränkung kommt es bei uns zu Reizüberflutungen, die wiederrum einen Melt oder Shutdown hervorrufen.
Um uns selbst davor zu schützen, weil es auch für uns nicht wirklich angenehm ist, in aller Öffentlichkeit einen Meltdown zu bekommen, planen wir unseren Tag genau durch. Das gibt uns Sicherheit und ist somit unser Selbstschutz gegen eben Meltdowns und Reizüberflutungen.
Jedes mal, wenn jemand von uns verlangt “spontan” zu sein oder anderweitig in unsere Planung eingreift, zerstört derjenige damit unseren Selbstschutz und sorgt dafür, dass wir schnell überfordert darauf reagieren. Man nimmt uns damit einen großen Teil unserer Sicherheit, die unabdingbar ist, um unseren Alltag irgendwie überstehen zu können.
Leider reagieren nicht alle immer rücksichtsvoll darauf, wenn man ihnen erklärt, warum Spontanität eben nicht oder nur sehr eingeschränkt (je nach Tagesform) möglich ist, aber bedenkt, wenn ihr das nächste mal von einem Autisten oder einer Autistin verlangt spontan zu sein, dass dieser Selbstschutz auch euch dient!

Schließlich ist es für niemanden im unmittelbaren Umfeld angenehm, wenn man als Autist plötzlich einen Melt oder Shutdown hat und das im (Achtung Ironie) besten Fall noch als Wutanfall eingeordnet wird, anstatt als eine Reaktion auf massive Überforderung. Jeder Einzelne, der das hier liest, kann dafür sorgen, dass so etwas weniger passiert, indem er darauf Rücksicht nimmt, dass wir diesen Selbstschutz und diese Sicherheit brauchen und kann aufklären, damit so etwas endlich nicht mehr als Wutanfall angesehen und entsprechend reagiert wird! Das kann dem Autisten, gerade wenn er noch im Kindesalter und damit auf das Verständnis seines unmittelbaren Umfelds angewiesen ist, massiv schaden!

Advertisements