Liebe Eltern,

eine immer wieder entflammende Diskussion auf Twitter brachte mich auf die Idee, diesen Brief an euch zu verfassen, vor allem an jene unter euch, die Sorgen haben im Bezug auf die viel diskutierte Inklusion.
Ich bekomme sie beinahe jeden Tag mit, die Diskussionen um Inklusion oder nicht oder vielleicht nur die Schüler, die besonders gut sind, usw.

Die Argumentation ist häufig, dass Kinder mit Behinderungen die “normalen” Kinder beim Lernen stören würden. Was das angeht, gibt es mittlerweile Studien, die dies widerlegen, außerdem: Sollte man sich nicht einmal Gedanken machen, woher der Gedanke, jemand könnte einen Anderen dabei stören, Leistung zu erbringen, überhaupt rührt?

Es ist die Leistungsgesellschaft, die viele von uns so denken lässt. Die Anforderungen und der ständige Wettbewerb, der daraus resultierende Druck, den die Kinder großteils von kleinauf mitgegeben bekommen.

Gibt es nicht sehr viel wichtigere Dinge als Leistung? Als eine bestimmte Zahl auf dem Zeugnis? Toleranz und Akzeptanz für die Vielfalt, die unsere Gesellschaft mitbringt zum Beispiel? Was wäre da wirkungsvoller als gelebte Inklusion? Es gäbe nichts besseres, um Berührungsängste abzubauen und um ein solidarisches und verständnisvolles Miteinander zu schaffen. Vielfalt ist eine Bereicherung für jeden von uns!

Aber es gibt noch mehr Dinge, die mir auf dem Herzen liegen: Haben nicht alle Kinder/Jugendlichen und Erwachsene dieselben Rechte? Das Recht der Teilhabe? Das Recht, mitten in der Gesellschaft zu sein und nicht ausgeschlossen zu werden?
Hat nicht jedes Kind dasselbe Recht auf Bildung?

Indem Parallelgesellschaften weiterhin gefordert und gefördert werden, werden die Bildungschancen von unglaublich vielen Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen enorm geschmälert. Sie haben oft nicht dieselben Möglichkeiten wie andere Kinder, müssen sich häufig mit Vorurteilen, die es gerade bzgl. solcher Parallelgesellschaften zuhauf gibt, abquälen und kommen so sehr viel schwerer an beispielsweise Ausbildungs und Praktikumsplätze. Wo bleibt da die Chancengleichheit? Wünschen sich nicht alle Eltern, dass das Kind möglichst gut durchs Leben kommt? Daher möchte ich euch Eltern einmal vollkommen wertfrei die Frage stellen, wie es für euch wäre, wenn ihr wüsstet, dass euer Kind von vorneherein benachteiligt wird, wenn es um so elementare Dinge wie Bildung geht.

Ich möchte euch noch eine Sache mit auf dem Weg geben, die für mich sehr wichtig ist. Allzu oft lese ich davon, dass Inklusion gescheitert und vor die Wand gefahren worden sei, ich möchte dazu noch ein paar Gedanken mit euch teilen:
Inklusion selbst ist nicht gescheitert. Es gab sie noch nicht und in ganz seltenen Fällen, findet man vielleicht 1-2 Beispiele, die annährend in die Richtung gehen. Inklusion ist ein Lebensmodell und bezieht sich nicht ausschließlich auf Schule und Arbeitsplatz, sondern auf uns als gesamte Gesellschaft.

Die Politik fährt Inklusion im Moment absichtlich gegen die Wand, zumindest sehe ich das so und ich bin mir sicher, dass viele, die sich damit schon länger intensiv beschäftigen, meine Meinung teilen. Inklusion ist ein willkommener Sündenbock für die reichlichen Kürzungen im Bildungsbereich, die es über Jahre hinweg gab. Inklusion ist ein sehr kontroverses Thema und eignet sich daher gut, um über die wahren Probleme und die wahren Schuldigen hinwegzutäuschen.

Nicht Inklusion ist das Problem. Es ist das marode Schulsystem insgesamt, es sind die fehlenden gut Ausgebildeten Fachkräfte, es sind die veralteten (Lern)Methoden und die viel zu großen Klassen.

Mit diesen Worten verabschiede ich mich von euch. Ich möchte euch bitten, diesen Text zu verbreiten und vielleicht einmal zu versuchen, Inklusion zu leben. Es ist nicht schwer und kommt jedem Einzelnen zugute, auch euch.

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